In Kürze

  • Das BCG Henderson Institute untersuchte die KI-Politik von mehr als 30 Ländern mit fortgeschrittenen, aufstrebenden und kleinstaatlichen Volkswirtschaften und kommt zum Schluss, dass vollständige KI-Souveränität im Sinne einer durchgängigen technologischen Eigenständigkeit für fast alle Staaten eine Illusion bleibt – selbst für gut ausgestattete Länder.
  • Als Beispiel dient Australiens privat entwickeltes Sprachmodell «Matilda» des Start-ups Maincode: Obwohl auf australischer Infrastruktur betrieben und auf lokale Sprache und Normen zugeschnitten, bleibt das Projekt weiterhin von ausländischer Hardware, Netzwerkanbindung, Software und Trainingskorpora abhängig.
  • Als Alternative empfiehlt BCG eine Strategie der «KI-Resilienz», die auf vier Bausteinen beruht – Infrastruktur, Vertrauen und Werte, Nutzungsanreize sowie internationale Partnerschaften – und lokale Fähigkeiten mit gezielter internationaler Zusammenarbeit statt vollständiger Eigenständigkeit kombiniert.

Was ist passiert?

Das BCG Henderson Institute, der Denkfabrik-Arm der Beratungsfirma Boston Consulting Group, hat eine Analyse der KI-Politik von mehr als 30 Staaten veröffentlicht – von fortgeschrittenen Industrienationen über Schwellenländer bis zu kleinen Volkswirtschaften. Die zentrale These des Berichts mit dem Titel «AI Sovereignty Is an Illusion. Resilience Is Real.» lautet: Vollständige KI-Souveränität im Sinne einer durchgängigen technologischen Eigenständigkeit über die gesamte Wertschöpfungskette – von Chips über Rechenzentren und Modelle bis zu Trainingsdaten – bleibt für fast alle untersuchten Länder unerreichbar, selbst für jene mit erheblichen Ressourcen.

Als konkretes Beispiel nennt die Studie Australiens Initiative «Matilda», ein vom Start-up Maincode privat entwickeltes Sprachmodell, das auf australischer Infrastruktur betrieben und auf lokale Sprache, Normen und Anwendungsfälle zugeschnitten wurde. Trotz dieses Aufbaus lokaler Kompetenzen und Rechenkapazitäten bleibt das Projekt laut BCG weiterhin von ausländischen Anbietern für Hardware, Netzwerkanbindung und Software sowie von im Ausland zusammengestellten Trainingskorpora abhängig.

Warum ist das wichtig?

Die Studie reiht sich in eine wachsende internationale Debatte darüber ein, wie Länder mit ihrer Abhängigkeit von wenigen grossen KI-Anbietern aus den USA und China umgehen sollen. Statt eine kaum erreichbare vollständige Unabhängigkeit anzustreben, empfiehlt BCG eine Strategie der «KI-Resilienz», die auf vier Bausteinen beruht: eigener oder gesicherter Zugang zu Infrastruktur, Übereinstimmung der eingesetzten Systeme mit lokalen Werten und Vertrauensanforderungen, gezielte Förderung der tatsächlichen Nutzung im eigenen Land sowie der Aufbau diversifizierter internationaler Partnerschaften statt Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter.

Die Empfehlung richtet sich damit auch an politische Entscheidungsträger, die technologische Eigenständigkeit oft als politisches Ziel formulieren, ohne die tatsächlichen Abhängigkeiten in der Lieferkette – etwa bei Halbleitern oder spezialisierter Software – zu berücksichtigen. Der Bericht liefert damit ein Gegengewicht zu rein symbolisch verstandener «nationaler KI» und verschiebt den Massstab von vollständiger Kontrolle hin zu nachweisbarer Handlungsfähigkeit trotz bestehender Abhängigkeiten.

Was bedeutet das für den Forschungsstandort Schweiz?

Für den Forschungsstandort Schweiz sind die Ergebnisse unmittelbar relevant, weil das Land mit Apertus über ein eigenes, international beachtetes Vorzeigeprojekt für ein offenes Sprachmodell verfügt. Apertus wurde zwar vollständig von EPFL, ETH Zürich und dem Swiss National Supercomputing Centre auf dem Supercomputer Alps in Lugano entwickelt und trainiert, bleibt dabei aber – wie die BCG-Studie für vergleichbare Projekte wie Matilda aufzeigt – von importierter Hardware wie Nvidia-Grafikprozessoren sowie von international zusammengetragenen mehrsprachigen Trainingsdaten abhängig.

Für die Schweizer Forschungs- und Innovationspolitik, die digitale Souveränität zunehmend als strategisches Ziel formuliert, liefert die Studie damit einen nützlichen Realitätscheck: Statt vollständiger technologischer Unabhängigkeit könnte sich eine Strategie lohnen, die gezielt in jene Bereiche investiert, in denen die Schweiz tatsächlich Einfluss nehmen kann – etwa bei der Offenheit von Trainingsdaten und Modellgewichten, bei der Übereinstimmung mit Schweizer Datenschutz- und Transparenzanforderungen sowie beim Ausbau internationaler Forschungspartnerschaften.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Redaktionelle Einordnung: Die folgenden Schlussfolgerungen beziehen sich auf die genannten Quellen. Sie sind keine zusätzlichen Meldungen der Originalquelle.

  • Die Ergebnisse betreffen direkt das Schweizer Vorzeigeprojekt Apertus: Das von EPFL, ETH Zürich und dem CSCS auf dem Supercomputer Alps trainierte offene Sprachmodell gilt zwar als «Schweizer KI», dürfte aber gemäss BCG-Logik weiterhin von ausländischer Hardware wie Nvidia-Chips, internationalen Open-Source-Werkzeugen und global zusammengetragenen Trainingsdaten abhängig bleiben.
  • Für die Schweizer Debatte um digitale Souveränität – ein wiederkehrendes Thema an Veranstaltungen von digitalswitzerland und in der Vorbereitung des Geneva AI Summit 2027 – liefert die Studie einen Realitätscheck, der die Diskussion von der Vorstellung technologischer Eigenständigkeit hin zur Frage gezielter Resilienz verschieben könnte.
  • Für Schweizer Unternehmen und Behörden, die ihre KI-Beschaffung und -Governance überdenken, bietet das BCG-Raster eine praktische Alternative zur Forderung nach «rein Schweizer» KI-Lösungen: Massgeblich wären stattdessen Kriterien wie die Wahl der Infrastrukturanbieter, die Übereinstimmung mit Schweizer Werten und Datenschutzvorgaben, die Förderung der tatsächlichen Nutzung sowie diversifizierte internationale Partnerschaften.

Verwendete Quellen

Die Studie wurde vom BCG Henderson Institute veröffentlicht; Netzwoche ordnete die Ergebnisse am 18. September 2026 für ein breiteres Publikum ein.

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Häufige Fragen

Was ist die Kernaussage zu BCG-Studie: Für die meisten Länder ist volle KI-Souveränität eine Illusion – Resilienz ist real?

Das BCG Henderson Institute untersuchte die KI-Politik von mehr als 30 Ländern mit fortgeschrittenen, aufstrebenden und kleinstaatlichen Volkswirtschaften und kommt zum Schluss, dass vollständige KI-Souveränität im Sinne einer durchgängigen technologischen Eigenständigkeit für fast alle Staaten eine Illusion bleibt – selbst für gut ausgestattete Länder.

Warum ist diese KI-Meldung für die Schweiz relevant?

Die Ergebnisse betreffen direkt das Schweizer Vorzeigeprojekt Apertus: Das von EPFL, ETH Zürich und dem CSCS auf dem Supercomputer Alps trainierte offene Sprachmodell gilt zwar als «Schweizer KI», dürfte aber gemäss BCG-Logik weiterhin von ausländischer Hardware wie Nvidia-Chips, internationalen Open-Source-Werkzeugen und global zusammengetragenen Trainingsdaten abhängig bleiben.

Welche Quelle nutzt KI News Schweiz für diese Einordnung?

Die Studie wurde vom BCG Henderson Institute veröffentlicht; Netzwoche ordnete die Ergebnisse am 18. September 2026 für ein breiteres Publikum ein.